Liquid-Democracy-Miterfinder bewirbt sich um Amt des Beisitzers bei AfD Berlin

Heute fand die Gründungsversammlung für den Landesverband der Alternative für Deutschland statt. Für das Amt des Beisitzers hat sich offenbar Liquid-Democracy-Miterfinder Christian Jacken beworben:

Jacken, der auch im Piraten-Wiki vertreten ist, hat unlängst auf Twitter begonnen, sein überarbeitetes Konzept für eine “liquid-demokratische Ständige Mitgliederversammlung” zu bewerben. Die gestern zur AfD übergetretene Stellv. Vorsitzende der Piraten Bremen hat als letzten Tweet seit ihrem Übertritt auf Jackens Konzept verwiesen.

Auf einem Mensa-Jahrestreffen in Münster hat Jacken wohl einen Flyer zur Aktion “Neue Weiße Rose” verteilt und schreibt dort unter anderem:

Eines Tages werden Dich die folgenden Generationen frage, was Du getan hast, um dieses Betruggsystem zu bekämpfen und das Schlimmste zu verhindern. Und im Gegensatz zu der Zeit des Nationalsozialismus wirst Du nicht sagen können, daß Du nichts getan hast, weil Du um Dein Leben oder das Leben von Familie und Freunden fürchten mußtest.

Aus diesen Überlegungen heraus bin ich jedenfalls Ende März der “Professorenpartei” “Alternative für Deutschland” (AfD) beigetreten, welche aber zugleich auch eine vernünftige Alternative für Europa darstellt.
[…]
Ich lade Dich herzlich ein, Dir eine eigene Meinung über diese neue Bewegung zu bilden, doch sei vorsichtig vor unseriösen, teilweise sogar böswilligen Medienberichten! Wir sind keine Populisten, “Euro-Hasse”, “Wutbürger” etc. und haben auch nichts mit Rechtsextremismus am Hut!

Wer bald eintritt kann übrigens vermutlich noch mitbestimmen, wer für die AfD zum Bundestag kandidiert oder gar selbt für eoen Listenplatz oder die Aufstellung für ein Direktmandat in einem Wahlkreis kandidieren (auch außerhalb Deines Wahlkreises). Nur Mut!
[…]
PS: Falls mir etwas zustoßen sollte, bitte ich Euch, zu helfen, die Umstände genau aufzuklären und dieses Flugblatt umso mehr publik zu machen, obwohl ich nicht wirklich daran glaube, daß mich gewisse Leute ohne vorherige Kontaktaufnahme aus dem Weg räumen lassen würden.

Der Flyer wurde dort offenbar nicht vollständig kritiklos aufgenommen und daher von Jacken derzeit überarbeitet:

Vielen Dank für Deinen Besuch! Das Flugblatt wird gerade überarbeitet. Leider mußte ich
feststellen, daß auch viele Mensaner glauben, sich bereits nach dem Lesen von wenigen
Zeilen ein Urteil bilden zu können. Ich bitte, die unter Zeitdruck zustandegekommene
Erstversion nicht weiterzuverteilen, freue mich aber über jede Art von Feedback. Und ja, es
ist alles ernst gemeint.


Kommentare

16 Kommentare zu Liquid-Democracy-Miterfinder bewirbt sich um Amt des Beisitzers bei AfD Berlin

  1. Jochen Heber meinte am

    Hallo,

    krass, schönes Popcorn!
    Hat jemand Belege und/ oder Links aus denen hervorgeht, wann Christian Jacken aus der Piratenpartei ausgetreten ist?

    Und warum? > gibt es z.B. Blog-Beiträge dazu?

    Danke,

    J. Heber

  2. Oh wow, die neue Weiße Rose! Ich hab mir letzte Woche ja auch ne Jacke gekauft, die eine Nummer zu groß für mich war. Ich hoffe, die können das noch umtauschen.

  3. juhi meinte am

    Warum habe ich in der Unterzeichnung des Flugblatts statt “Verantwortungsethiker” “Verschwörungstheoretiker” gelesen? Ach ja, weil das P.S. mit “Falls mir etwas zustoßen sollte” beginnt, richtig.

  4. Otla meinte am

    @juhi: sind halt politisch unerfahrene Kindsköpfe.

  5. Herzmut meinte am

    Die Überläufer zur eurofeindlichen AfD zeigen, wie auswechselbar die Überzeugungen der Piraten sind. Wie diese Opportunisten sich auf die nächste große Sache stürzen, in der Hoffnung, öffentliche Geltung zu erlangen, weil sie in den etablierten Bundestagsparteien kein Vorankommen für ihre Karriere finden, ist widerwärtig und abstoßend. Mit solchen Menschen möchte man nichts zu tun haben, wenn man sich mal die ganze Dimension ihrer Armseligkeit bewusst macht. Sie haben kein Ideal außer sich selbst, und wer ihnen zur Bedeutung verhilft, ist ihnen egal. Ihr Mangel an Rückgrat macht sie beliebig.

    Die Attraktivität der AfD dürfte für die Überläufer darin bestehen, dass durch weniger Mitspracherechte auch ein Programm stringenter durchgesetzt werden kann, womit die AfD eine Rückentwicklung zur Top-Down-Struktur und ihr Versprechen auf mehr Bürgerbeteiligung unglaubwürdig und populistisch ist. Wahrscheinlich will sich die AfD nicht durch eifernde und zelotische Hipster kaputtgendern lassen, die rote Knöllchen für einen schlechten Spruch verteilen. (Und allein dieser Satz wird für Empörung unter genau den Leuten sorgen, von denen ich gesprochen habe.)

  6. icke meinte am

    “Liquid Democracy Erfinder!… Ich bin übrigens der Kaiser von China. Jawohl. Und warum? Weils hier steht und ich das hingeschrieben habe. Und das reicht ja bekanntlich. Und jetzt redet ihr mich gefälligst alle mit “Ihre Hoheit, Kaiser von China” an. Weils jemand irgendwo gesagt hat. Jawoll!

  7. Moin :)

    @Jochen Ich werde aus liquid-demokratischen Prinzipien künftig immer wie folgt auf Fragen zu Parteizugehörigkeit(en) antworten: “Wo auch immer Demokraten aufrichtig diskutieren, da will ich “Mitglied” sein. Die Vision einer flüssigen, barrierefreien Demokratie und Gesellschaft ist überparteilich.”

    @Gundel Gaukelei Du gehörst sicherlich auch zu denen, die wenn überhaupt nur drübergelesen haben.

    @juhi Du hast anscheinend keine Ahnung davon, mit welchen Methoden Lobbyisten weltweit arbeiten. Aber wenn ein Betrugsystem so komplex ist und so intelligent betrieben wird, daß es *vor* seinem Zusammenbruch kaum einer versteht und Texte, die länger als ein Tweet sind, kaum noch gelesen werden, ist Aufklärungsarbeit womöglich vergebene Müh’.

    @Herzmut Falls du damit (auch) mich gemeint haben solltest: Wenn ich Opportunist wäre, säße ich jetzt z. B. für die Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus (damit behaupte ich aber nicht, daß diese Abgeordneten Opportunisten sind). Im Bezug auf die “Überläufer” und die AfD denkst du sehr in Schubladen. Kannst du dir gar nicht vorstellen, daß da auch ganz viele Idealisten sind, die dank kritischer Überlegungen bzw. Fachwissen erkannt haben, daß die jetzige Europolitik in eine Katastrophe mündet, welche unbedingt durch eine geordnete Abwicklung des jetzigen Euros vermieden werden muß? Ich war übrigens ein Fan des jetzigen Euros bevor ich dieses perfide System durchschaut habe. Wegen der Rettungsgelder, die überwiegend bei den Banken und Finanzinvestoren landen, hat Deutschland übrigens bald keinen finanziellen Spielraum mehr für fahrscheinlosen Nahverkehr und andere piratige Anliegen. Ferner habe ich nach vielen Gesprächen keinen Grund, daran zu zweifeln, daß es die AfD mit ihrer Forderung nach mehr innerparteilicher Demokratie sowie Volksabstimmungen und -Initiativen nach schweizer Vorbild ernst meint. Liquid Democracy (2000-2004) gab es schon vor den Piraten, ist ursprünglich etwas parteiübergreifendes und ich finde es sehr egoistisch und kurzfristig gedacht, wenn Piraten mich dafür kritisieren, daß ich frühzeitig Liquid Democracy in der AfD bekannt mache, zumal diese Partei auch dank unglaublich vieler hochqualifizierter Mitglieder (Professoren, Politologen, Wirtschaftswissenschaftler, Juristen, etc.) das Potenzial zu einer neuen Volkspartei hat. Apropos “Euro(pa)feindlichkeit”: Ein wichtiges Motto der AfD lautet “Damit Europa nicht am Euro scheitert!”. Dieses ist sehr ernst gemeint. Beim jetzigen Euro wurden leider so viele Fehler im Fundament und seit der Finanzkrise gemacht, daß ein Reparaturversuch scheitern würde. Die Rettung der “europäischen Idee”, an der mein Vater als persönlicher Referent des Grafen Coudenhouve-Kalergi (späterer Ehrenpräsident der Europäischen Bewegung) mitwirken durfte, ist viel wichtiger als die Scheinrettung einer von Finanzlobbyisten gekaperten Währung!

    @icke: Ich kann und werde das natürlich beweisen. Demnächst mehr auf http://www.LiquidDemocracy.de.

    Ich würde mich freuen, wenn ihr mir auf @OriginalLiquidD folgt.

    PS: Wenn ich auf etwas hier geschriebenes nicht eingegangen bin, bedeutet dies nicht, daß ich dem zustimme. Ich habe derzeit wenig freie Zeit und weiß daher nicht, wann ich wieder zum antworten komme.

  8. Otla meinte am

    Ich stimme Dir in vielem zu, was den Euro und Finanzmarktinteressen betrifft (auch darin, dass die Piratenpartei derzeit ziemlich intelligenzfeindlich ist).
    Nichts desto trotz ist der Euro das einzige, was derzeit die EU noch zusammenhält (das zweite Bein Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik hat nie richtig funktioniert) und das heißt, dass mit dem Euro die EU fällt.
    Und das deswegen, weil die Merkelin im Gegensatz zu fast allen westlichen Ländern, USA eingeschlossen, auf ihrer nationalistischen Austeritätspolitik beharrt, nur, dass sie statt Deutschland, wie in der Weltwirtschaftskrise des letzten Jahrhunderts, vor allem die Südländer in den Ruin treibt. Europäische Solidarität – Fehlanzeige. Eigenständiges europäisches politisches Gewicht – Fehlanzeige. Wie bei der AfD. Denn erzählen kann man viel. Zu fragen ist: was sind die praktischen Konsequenzen und wie werden die Prioritäten gesetzt?
    Ein Auseinanderbrechen der EU hätte, so international recht einhellige Meinung, eine Annäherung Deutschlands an Russland zur Folge. Die Altlinke freut’s, Wagenknecht und Lafontaine haben offenbar keine großen Einwände.
    Mich freuts nicht. Denn Russland gerät zunehmend unter den Einfluss faschistischen Denkens.
    Ich will da nicht rein.
    Man kann auch viel von innerparteilicher Demokratie reden.
    Praktiziert hat die AfD sie bisher nicht.
    Und ihr Wahlprogramm – Stichwort Familien verantwortlich für Bildung ihrer Kinder – lässt auch nicht darauf schließen, dass sie gegen oligarchische, elitäre Ambitionen angeht. Grüße aus Russland.
    Ich weiß recht gut um weltweite Lobbyistenmethoden, nicht nur von Seiten der Finanzwirtschaft, und wie schwer es ist, sie gegen VT abzugrenzen, sowohl selbst als auch anderen gegenüber.
    Nichts desto trotz bleibt die Frage: wo werden die Prioritäten gesetzt?
    Und da gibt es nur die Antwort, die Prioritäten der AfD sind nicht meine und ich gehe davon aus, auch nicht die der Piratenpartei.
    Und Dir gebe ich zu bedenken: man kann sich auch bequatschen lassen.

  9. Vielen Dank für Deine Antwort, Otla (von den anderen trauen sich anscheinend einige gar nicht, zu antworten ;)). Deine Logik, daß mit dem Euro die EU fällt, kann ich jedoch absolut nicht nachvollziehen. Der Euro kam erst spät in der Geschichte der europäischen Zusammenarbeit, und viele Länder in der EU haben den Euro gar nicht als Währung. Ich finde, daß wir vielmehr nicht zulassen dürfen, daß ein (ich wiederhole) von den Finanzlobbyisten gekaperte Euro die Freundschaft und Zusammenarbeit in Europa beschädigt!

    Apropos Austeritätspolitik von Merkel (lies vorher vielleicht mal http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/barroso-verteidigt-merkel-gegen-angriffe-aus-frankreich-a-898110.html): Würde sich Deutschland nicht so verhalten, würde die Geldentwertung bzw. der Kaufkraftverlust bei den Bürgern stark steigen. Die EZB-Politik (inkl. Bazooka und Dicke Bertha) löste in Deutschland bereits einen Immobilienhype aus, und unter den Mieterhöhungen müssen viele Bürger leiden. Mieterhöhungen zu verbieten ist langfristig jedoch auch keine Lösung. Ich habe es z. B. in Brasilien bis 1994 immer wieder erlebt, wie die Regierung durch Preiskontrollen vergeblich versuchte, die Inflation aufzuhalten. Man bedenke auch daß für die Inflationsberechnung in Deutschland der Mietengesamtdurchschnitt und nicht die Neuverträge herangezogen werden!

    Das Wort Solidarität kann ich in Verbindung mit dem Euro übrigens kaum mehr hören. Warum sollen wir gegenüber den internationalen Banken, Milliardären bzw. Finanzinvestoren „solidarisch“ sein? Außerdem: Das durchschnittliche Privatvermögen liegt z. B. in Italien, Spanien und Griechenland über dem in Deutschland (siehe z. B. http://www.welt.de/wirtschaft/article114649182/Italiener-und-Spanier-sind-reicher-als-Deutsche.html). Selbst wenn man die dieser Studie vorgeworfenen methodischen Mängel berücksichtigt, geben die Zahlen zu denken. Soll Deutschland jetzt etwa Steinbrücks Kavallerie losschicken und in diesen Ländern für mehr Umverteilung bzw. höhere Steuern für Reiche sorgen?

    Du fragst danach, wie die Prioritäten gesetzt werden? Nun, wenn man einen Wasserrohrbruch im Keller hat, sollte man sich zunächst um diesen kümmern oder um den Einbau wassersparender Toilettenspülkästen?

    Apropos innerparteiliche Demokratie: Die AfD will in knapp fünf Monaten zweistellig in den Bundestag einziehen und konzentriert sich daher auf den Aufbau von Strukturen und den Wahlkampf. Auf den zwei von mir beobachteten Landesparteitagen ging es sehr demokratisch zu. Da habe ich bei den Piraten schon undemokratischeres gesehen… Beim Gründungsparteitag war der Zeitdruck extrem, das stimmt. Und wenngleich das Interesse an mehr Demokratie (inner- und außerhalb der Partei) und auch an Liquid Democracy groß ist, wäre es wohl zu viel des Guten gewesen, gleich einen Ur-Piraten als Beisitzer in den BuVo oder LaVo zu wählen ;)

    Apropos bequatschen: Ich fand Dein Posting intelligent, habe aber leider nicht den Eindruck gewonnen, daß du dich so gut mit der Thematik und auch volkswirtschaftlich auskennst (was leider auch auf viele der Journalisten zutrifft, die mit ihren Einschätzungen die öffentliche Meinung beeinflussen). Obwohl man allein schon erkenntnistheoretisch nie ausschließen kann, daß man sich auf einem Holzweg befindet, bin ich ein sehr kritischer Mensch, der in der Regel wichtige Dinge erst nach langer Abwägung entscheidet. Es kann aber auch passieren, daß etwas auf der Sachebene richtig, strategisch aber ein Fehler ist. Die m. E. notwendige, ernsthafte Gratwanderung zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethik bzw. idealistischer und Realpolitik ist immer wieder eine Herausforderung.

    Disclaimer: Wenn ich auf etwas auf dieser Seite erwähntes nicht eingegangen bin, bedeutet dies nicht, daß ich dem zustimme.

  10. PS: Ich wünsche der Piratenpartei nichts Schlechtes, ganz im Gegenteil! Die Piraten wären im Bundestag eine Bereicherung für die Demokratie! Es tut mir weh, wenn Menschen (egal aus welcher politischen Ecke) gegenüber den Piraten immer noch viele Vorurteile haben (Bernd Lucke hatte diese übrigens nicht, bekam aber von Bernd Schlömer (als es die AfD noch gar nicht gab) noch nicht mal eine E-Mail-Antwort). Gleichermaßen finde ich es schade, daß die meisten Piraten wohl auch auf Grund der Medien Riesenvorurteile gegenüber der AfD haben, denn inhaltlich und erst recht auf der Metaebene haben Piraten und AfDler mehr gemeinsam, als sie denken, so wie sich z. B. Lafontaine und Wagenknecht nun auch für die Abwicklung des jetzigen Euro aussprechen! Ich sehe Piraten und AfD auch nicht wirklich als Konkurrenten, sondern eher als Coopetition-Partner gegen das verkrustete politische Establishment! Ich mache mir ferner Vorwürfe, nicht stärker bei den Piraten für meine kritischen Positionen gegenüber dem Euro geworben zu haben; allerdings war die Resonanz 2012 enttäuschend und ich hatte noch wie die Jahre zuvor mit einer chronischen Erkrankung zu kämpfen. Aber wenigstens ist es noch nicht zu spät, um u.a. mit meinem SMVcon-Paper unter http://wiki.piratenpartei.de/Benutzer:LiquiD mitzuwirken, damit wir eine funktionierende und sichere (öffentlich überprüfbare) SMV mit der Möglichkeit anonymer Abstimmungen bekommen (ja, das ist technisch möglich)! Denn sonst droht der Piratenpartei m. E. tatsächlich die politische Bedeutungslosigkeit.
    PPS: Wie kann ein Parteichef bloß der Presse sagen, “Uns fehlt die Kraft und die Motivation für den Wahlkampf”?? Hallo?!?!?!

  11. Otla meinte am

    Ich bin kein Volkswirt, mein Revier ist die internationale Politik. Da muss man sich natürlich immer wieder mit Volkswirtschaft befassen, geht ja nicht ohne. Deswegen erlaube ich mir, auf Aspekte der internationalen Politik hinzuweisen, denn Wirtschaft ist nicht alles.
    Es herrscht ein Ungeist in Deutschland, leider auch nicht selten in der Piratenpartei, wen wundert’s, den ich auch in Deinen Äußerungen sehe: Provinzialismus. Als internationale Bewegung, als die wir uns immer bezeichnen, müssten wir eigentlich dagegen angehen. In Deinen Äußerungen deswegen, weil Du sehr viel über Deutschland schreibst, zu Europa aber außer “Freundschaft” nicht viel sagst.
    Freundschaft ist zweiseitig. Dass andere europäische Staaten, und keineswegs nur der ClubMed, da so gewisse Vorbehalte haben, sollte man auch sehen. Die Bürger haben diese Vorbehalte, wohl gemerkt, und das sollte doch zu denken geben. Ich höre nun mal auf das, was diese Bürger sagen, mehr, als auf die Theoretiker von der Wirtschaftsfront, denn wir sind eine Bürgerbewegung, auch wenn manch ein Möchtegern-Revoluzzer das gerne ändern will (ich bekomme mit Syrien jetzt die 3. Revolution mit – dabei hätte die iranische mir schon für ein ganzes Leben gereicht). Und diese Bürger leiden ganz offenkundig unter der von Deutschland verordneten Austeritätspolitik. Auch, wenn mehr ein Häuschen ihr Eigentum nennen dürfen als bei uns: davon können sie nichts abbeißen.
    Selbstverständlich hat der Euro Baufehler.Selbstverständlich hat auch die EU ganz erhebliche Baufehler, die wir nicht ignorieren dürfen. Und selbstverständlich kann es nicht in unserem Interesse liegen, mit unseren Steuergeldern die Banken zu füttern. Nur, was sind die Alternativen? Eine der mächtigsten internationalen Großbanken ist – die Deutsche Bank. Werden wir die mit dem Euro auch los?
    2008/2009 haben sich die USA, zwischen Scylla und Charybdis Inflation und Deflation, für eine gemäßigte Inflationspolitik entschieden. Ich halte das für vernünftig. Denn wenn vagabundierendes Kapital anders nicht enteignet werden kann, dann eben so. Und für die üblen, langwierigen Folgen einer Deflation steht Japan. Das inzwischen auch auf gemäßigte Inflationspolitik umgeschwenkt ist.
    Da bliebe Deutschland also als so ziemlich der einzige Ausreißer. Glaubst Du, dass uns das bekommt?
    Es wird immer schön gerechnet, wie gut Deutschland mit seinem Export dastehen könnte, wenn.
    Wird auch bedacht, ob die anderen überhaupt von uns kaufen WOLLEN?
    Die anderen Staaten sind längst dabei, neue Bündnisse zu schmieden. Mit wem, meinst Du, sollten wir sie schmieden?
    Mit dem sich faschisierenden Osteuropa?
    Immer nur die eigene Seite zu berechnen und nicht das Ganze nennt man Milchmädchenrechnung.
    Wir vertreten nicht die Interessen der Banken. Wir vertreten die Interessen der Bürger. Und Realpolitik bedeutet, unter Einbeziehung ALLER Umstände den Weg zu finden, der dem entspricht, was unsere Bürger wollen. Wirklich wollen. Nicht spontan aufgrund mehr oder minder gelenkten Populismus.
    Mal abgesehen davon, dass man nie vergessen sollte die Frage zu stellen: cui bono?
    Dies ist natürlich alles sehr, sehr oberflächlich. Aber ich werde ohnehin schon zu lang.
    Die Piratenpartei steht und fällt nicht mit LQFB. Die hat etliches mehr zu bieten. Mehr auch, als ein Haufen frustrierter Wirtschaftsprofessoren. Und ein Tool macht noch keine Politik.
    Wie ein Parteichef so etwas sagen kann? Weil es der Fall ist.
    Hilft nichts, sich in die Tasche zu lügen und “PAV’t BuBernd!” zu schreien. Aber die Konsequenz ist nicht, den Wahlkampf abzusagen. Die Konsequenz ist, mit den streikenden Mitgliedern in Verhandlung zu treten, ihre Forderungen ernst zu nehmen – dann machen die auch wieder mit, und dann haben wir wieder Kraft und Motivation. Das sei auch denen gesagt, die zäh weiter den Wahlkampf vorbereiten: Eure Arbeit soll nicht umsonst sein, also weiter machen.

  12. hm meinte am

    Mir ist nicht ganz klar worauf die Annahme begründet ist, Jacken sei der Ideengeber für LQFB. Die Idee wurde 2006 im Berliner LV besprochen und 2007 auf der Berliner Piratenkonferenz (Falkvinge war anwesend) diskutiert. 2008 wurde in Berlin eine Bar als Hackspace genutzt um ua das Tool zu entwickeln, allerdings ohne nennenswertes Ergebnis. Erst mit dem 2009er Hype gab es in Berlin genug Informatiker, wobei sich die Zielsetzung der Software stark von der bis dahin bestehenden Diskussion unterschied. Jackens frühe Mitgliedschaft ist mir zwar ein Begriff, aber LQFB-Erfinder bzw aktiver Pirat der Frühphase erscheint mir übertrieben. Zumal er offensichtlich erst ab 2009 in Deutschland war.

  13. @hm: John und ich hatten unser gemeinsames Liquid-Democracy-Konzept bereits 2004 auf dem European Social Forum in London präsentiert und in Berlin auf Basis dieses Konzeptes eine Firma gegründet (Infos zur Marken- und Patentanmeldung mittlerweile auf LiquidDemocracy.de). Die Zeit war damals aber noch nicht reif für ein Liquid-Democracy-Startup.
    Ich habe die Mitgliedsnummer 56 bei den Piraten und habe sehr wohl in der Gründungsphase mitgewirkt. Und genauso wie ich damals einen guten Riecher für das hatte, was kommen würde, „weiß“ ich, daß der jetzige Euro scheitern wird und die AfD eine neue Volkspartei wird. Ich gebe aber zu, daß ich das Problem habe, mit meinen Prognosen eher verfrüht dran zu sein. Wenn die technologische Singularität kommt, paßt das Timing dann hoffentlich ;)

  14. Herzmut meinte am

    Christian, dein wortreiches Geschwall kann nicht verhehlen, dass die AfD auch unter Piraten mächtig auf Dummfang gegangen ist. Unter ihnen sitzen mittelständische Bildungsbürger, die die Austeritätspolitik von Merkel für zu lasch halten. Sie wollen ein “Europa der Nationen”, so wie die NPD ein “Europa der Vaterländer” möchte, denn den Gedanken, dass reiche und erfolgreiche Staaten ihren Wohlstand mit weniger erfolgreichen Staaten teilen, erscheint ihnen widernatürlich. Es geht ihnen um Besitzstandswahrung, denn wenn immer mehr Kompetenzen nach Brüssel abwandern, verringert sich ihr politischer Einfluss, der wiederum nur zum eigenen Vorteil genutzt wird.

    Für Deutschland gibt es keine Alternative zur Europäischen Union, da kannst du noch so sehr mit Tränchen in den Augen und bibbernder Lippe den Kopf schütteln. Denn zwischen den Supermächten China und USA und ihrer Geopolitik kann die Europäische Union als ganzes bestehen – Deutschland allein
    würde zwischen ihnen sprichwörtlich zerquetscht werden. Die Politik der AfD bewirkt eine Desintegration Europas, wonach sich die Staaten den verschiedenen Lagern anschließen werden, statt sich zueinander zu bewegen. Mit der AfD wird Europa der Balkan der Welt.

    Und du bist dumm, weil du das nicht einsehen willst.

  15. @Inoxis63 meinte am

    @Herzmut

    Was meinst Du eigentlich mit:’wortreiches Geschwall’?

    Ist das dein piratiges Demokratieverständnis andere Leute die sich ernsthaft mit der Eurokrise, ESM, Target2, Fiskalunion und anderen netten Dingen beschäftigen, zu diskreditieren?

    Was qualifiziert dich persõnlich dafür, daß Du dich so herablassend über die Meinung von Christian Jacken äußern kannst?

    Mir ist klar, daß man über die Eurokrise sehr schwer ohne Emotionen sprechen kann. Man sollte aber als Pirat immer alle Seiten vetsuchen zu betrachten.

    Vor allen Dingen sollte man sich als Pirat nicht von der Presse einlullen lassen, was eine andere Partei macht oder nicht macht.

    Warum?

    Sonst sind wir alle kein deut besser als die etablierten Altparteien.

  16. Otla meinte am

    “Die Zeit war damals aber noch nicht reif für ein Liquid-Democracy-Startup.”
    Sch-würde mal sagen, nach den Erfahrungen mit der Software machen wir uns unser Europa auch lieber selber.

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